Grußworte zum 75-jährigen Bestehen der Hersfelder Kreisbahn im Jahre 1987

Dr. Walter Wallmann, Hessischer Ministerpräsident

Norbert Kern, Landrat

Hartmut H. Böhmer, Bürgermeister Bad Hersfeld

Horst Hannich, Bürgermeister Schenklengsfeld

 

Eberhard Fischer, Bürgermeister Hohenroda

 

Fritz Schäfer, Bürgermeister Philippsthal

 

Aufsichtsrat Wanieck, Geschäftsführer Dr. Jost, Vorsitzender des Betriebsrates Fröhlich

 

 

 

Das Jubiläumsjahr 1987

 

Ein Blick in die Zeitgeschichte
Das Jubiläumsjahr 1987 hat bis jetzt erfreuliche und unerfreuliche Entwicklungen gebracht. Die politischen Eisblöcke beginnen etwas zu schmelzen. Die Weltmächte Russland und die Vereinigten Staaten von Amerika machen Rüstungs- und Friedensvorschläge, über deren Realisierung die Politiker verhandeln und worauf die Völker warten.
Der neue sowjetische Parteichef Gorbatschow propagiert den Abbau der Mittelstreckenraketen. Er strebt auch bessere Beziehungen zur BRD an und lädt Bundespräsident Weizsäcker zum Staatsbesuch in Russland ein.
Das Unglück im Kernkraftwerk Tschernobyl hat die ganze Welt beunruhigt und die Kernkraftgegner in der BRD zu verstärkten Aktionen angeheizt. Andauernde politische Unruhen gibt es auch in Südkoreas Hauptstadt Seoul. In Bonn beteiligen sich 300 000 Demonstranten an den Oster-Friedensaufmärschen. Amerikas Präsident Reagan und Frankreichs Staatspräsident Mitterand nehmen an der 750 Jahrfeier in Berlin teil und bekräftigen die Schutzgarantie der Westmächte für Berlin.

 

Israels Staatspräsident Chaim Herzog besucht erstmals die Bundesrepublik, Papst Johannes Paul II. zum zweitenmal. Bundespräsident von Weizsäcker bereist Mittelamerika und den Nahen Osten.

 

Die BRD und die DDR sind sich trotz der trennenden Grenze näher gekommen. Die Schussanlagen an der Grenze wurden abgebaut. 2.9 Millionen Reisende aus der DDR in die BRD und 303 245 Lastkraftwagen passierten den hessischen Grenzübergang Herleshausen. Trier und Weimar, Erlangen und Jena, Saarlouis und Eisenhüttenstadt schließen Städtepartnerschaft. Hersfelds städtische Gremien besuchen Arnstadt, führen dort kommunalpolitische Gespräche und nehmen Kontakte auf. Bebras Stadtväter nehmen partnerschaftliche Beziehungen auf zu Bad Friedrichroda, die Bürgermeister des Kreises Marburg-Biedenkopf sind zwei Tage Gäste des Oberbürgermeisters und der Stadt Suhl. Die Stadt Marburg strebt Partnerschaft mit Eisenach an. In Hersfeld findet das 7. Treffen ehemaliger Gerstunger statt.

 

Die Bundesrepublik hat gewählt. Die CDU erreicht 44,2 %, die SPD 37,2 %, die FDP 9,2 % und die Grünen 8,2 %. Die CDU-FDP Koalition mit Bundeskanzler Kohl bleibt im Amt. Im Wahlkreis 128 Hersfeld wird MdB Wittich / SPD aus Ludwigsau-Friedlos gewählt, MdB Böhm /CDU kommt über die Landesliste wieder in den Bundestag. Die SPD bleibt bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg Spitzenpartei, die CDU bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz. Willy Brandt tritt als Vorsitzender der SPD ab, Jochen Vogel wird sein Nachfolger. Trotz mancher Schwierigkeiten wird die Volkszählung in der Bundesrepublik durchgeführt. Die Arbeitslosenzahl erhöht sich auf 2,5 Millionen. Die Arbeitslosigkeit ist die Kehrseite der Wohlstandsgesellschaft. Dortmunds letzte Kohleschachtanlage wird geschlossen. Am 1. April 1987 gibt es maschinengeschriebene Personalausweise. Prof. Dr. Grzimek und Dalli-Dalli-Chef Hans Rosenthal sterben. Heinz Rühmann wird 85 Jahre alt. Steffi Graf gewinnt in Paris und verliert in Wimbledon.

 

Bei der Hessischen Landtagswahl erhält die CDU 42,1 %, die SPD 40,2 %, die Grünen 9,4 % und die FDP 7,8 %. Ministerpräsident Holger Börner tritt zurück, Walter Wallmann wird Ministerpräsident und bildet eine Koalitionsregierung mit der FDP. Irmgard Reichardt wird Landwirtschaftsministerin. Ernst Wilke wird Regierungspräsident in Kassel und MdL Reinhold Stanitzek Staatssektretär im Justizministerium.

 

75 Jahre ist die "Hersfelder Kreisbahn" - jetzt "Hersfelder-Eisenbahn-Gesellschaft" durch den Raum und durch die Zeit gedampft und gedieselt. Als Kind ihrer Zeit hat sie die Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte miterlebt und alle nationalen Katastrophen überstanden. Sie verstand es, sich den Notwendigkeiten und Veränderungen der Zeit anzupassen und ist heute (1987) als eine der wenigen übrig gebliebenen deutschen Kleinbahnen ein lebendiges geschichtliches Denkmal.

 

Obwohl sie "klein" ist, ihre Strecke nur 28 km kurz und der Betriebsmittelbestand nur gering sind, ist ihre verkehrswirtschaftliche Bedeutung im deutschen Schienennetz von hohem Stellenwert. "Um eine langfristige Sicherung der Kalitransporte aus dem Werratal zum Streckennetz der Bundesbahn zu ermöglichen, ist die HEG unbedingt erforderlich", schrieb erst kürzlich Staatssekretär Haas vom Bundesverkehrsministerium in seiner Antwort auf eine parlamentarische Anfrage die Kreisbahn betreffend. "Die deutsche Reichsbahn der DDR erhält für die Kalitransporte über Gerstungen ein beträchtliches Kilometergeld aus dem Frachtanteil der Deutschen Bundesbahn. Da die DDR an dem Frachtgeld interessiert ist, ist eine neue Störung des Kaliverkehrs in den nächsten Jahren kaum zu befürchten. Sollte aber aus unvorherzusehenden Gründen die Kalistrecke über Gerstungen trotzdem wieder gesperrt werden, so gibt es immer den Ausweg, die Kalitransporte über die Kreisbahnstrecke zu leiten. Die Kreisbahn ist eine strategische Bahn, die der Sicherung der Arbeitsplätze im Werraraum und der störungsfreien Kaliabfuhr in Kriesenzeiten dient. Sie ist unbedingt erforderlich und muss auch in Zukunft erhalten bleiben".

 

Und so rollten die Räder der hersfelder Kreisbahn alias Hersfelder-Eisenbahn-Gesellschaft noch bis zum 31.12.1993. An diesem Tage verkehrte der letzte Personenzug. Die Strecke wurde eingestellt.