Goldenes Jubiläum - 50 Jahre

Auch im 50. Jahre ihres Bestehens ist die Welt in Bewegung und Deutschland immer noch ein zweigeteiltes Vaterland. Die Grenze zur DDR ist durch einen doppelten Stacheldrahtzaun gesichert und durch Berlin wurde eine Mauer gebaut. "Vorsicht Minen" steht vor dem Grenzstreifen bei Obersuhl und Philippsthal, wo die Grenze immer noch durch die Hoßfeldsche Druckerei an der Vachaer Werrabrücke verläuft. Bei Obersuhl wurden die angrenzenden Häuser des Nachbardorfes Untersuhl geräumt und gesprengt.



Die DDR-Kali-Transporte aus dem DDR-Kalirevier um Merkers und Dorndorf wurden eingestellt, nachdem die DDR-Reichsbahn den Kaliverkehr an die Meininger Bahnstrecke angeschlossen hat. Auch die Kalistrecke vom Kaliwerk Unterbreitzbach über Philippsthal-Süd durch die Bundesrepublik nach Vacha wurde stillgelegt, nachdem drüben eine direkte Bahnverbindung nach Vacha geschaffen wurde. Mit dem letzten Zug aus Vacha flüchtete der Vachaer Bahnhofsvorsteher in die BRD. Im Jubiläumsjahr 1962 ist die DDR-Reichsbahn dabei, eine neue 13 km lange Verbindungsstrecke von Gerstungen nach Förtha zur Meininger Bahn fertigzustellen, um das BRD-Bahnstück Wommen-Herleshausen zu umgehen. Immer noch werden täglich trotz der Grenzsperren 10 Zonenflüchtlinge registriert, aber der illegale kleine Grenzverkehr tropft immer mehr aus.
Und doch findet ab und zu ein DDR-Grenzpolizist eine Lücke im Grenzzaun, um sich in Philippsthal Zigaretten zu besorgen.


Am 27.09.1962 berichtete die Hersfelder Zeitung in einem Beitrag "Die Kreisbahn rangiert mit an der Spitze" in ihrem Vorspann über den Verlauf der 50-Jahresfeier:
"Die Jubelfeier der Hersfelder Kreisbahn am gestrigen Mittwoch in Schenklengsfelderhielt ihren besonderen Akzent nicht nur durch die Anwesenheit prominenter Persönlichkeiten, sondern auch durch deren Ansprachen. So wurde vom Vizepräsidenten der Bundesbahndirektion Kassel, Zabel, mitgeteilt, der Interzonenreiseverkehr werde auch zukünftig über Wartha-Herleshausen-Bebra laufen und nach Zusicherung der zuständigen Beamten der Reichsbahndirektion Erfurt sei nicht damit zu rechnen, dass der sowjetzonale Kalitransport durch den Kreis Hersfeld eingestellt und dafür über die neue Bahnlinie Gerstungen-Förtha geführt werde.
Nach einer Jubiläumsfahrt über die Kreisbahnstrecke bis Hattorf und zurück nach Schenklengsfeld marschierten die Gäste unter den Klängen der Bergmannskapelle durch den Ort zur Gaststätte Steinhauer, wo die eigentliche Jubelfeier ihren Lauf nahm".

Vor der Abfahrt des girlandengeschmückten Fest-Triebwagens hatte Landrat Edwin Zerbe auf dem Hersfelder Bahnhof neben dem Regierungspräsidenten Schneider, dem Bundesbahnvizepräsidenten Zabel und den Direktoren Brechlin und Jaenecke von den Kaliwerken Hattorf und Wintershall noch zahlreiche weitere Ehrengäste begrüßt, darunter auch die Bürgermeister der Kreisbahndörfer. Nach einer von vielen Kreisbewohnern und Schülersinggruppen umjubelten Festfahrt zur Endstation Werkbahnhof Hattorf wurden die Ehrengäste auf dem Schenklengsfelder Bahnhof von der Hersfelder Kurkapelle musikalisch und von Betriebsleiter Amtmann Döring mit ein paar Begrüßungsworten herzlich empfangen. Voran die Bergkapelle, zog dann die Festgruppe durch die feierlich geschmückten Dorfstraßen zum Festakt im Festsaal Steinhauer.




 

In seiner Festrede hob Landrat Zerbe wie alle weiteren Festredner die volkswirtschaftliche Bedeutung der Hersfelder Kreisbahn hervor, die mit einer Million beförderter Personen und fast 800.000 t transportierter Güter in 1961 an der Spitze der hessischen nichtbundeseigenen Eisenbahnen rangiere. Es sei den Erbauern hoch anzurechnen, dass sie die Kreisbahn als Normalspurbahn gebaut hätten für die damals sehr erhebliche Summe von 2,3 Millionen Reichsmark, sonst wäre die zeitweise Kaliumleitung in den Nachkriegsjahren nicht möglich gewesen. "Die Kreisbahn endet in Heimboldshausen", schloss Landrat Zerbe seine Festansprache, "dort wo nur wenige Kilometer entfernt auch die Freiheit aufhört. Wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen, sondern müssen alles tun, dass die Kreisbahn wieder zum Bindeglied zwischen Hessen und einem freien Thüringen wird. Gute Fahrt und lang lebe die Kreisbahn".

Auch Regierungspräsident Schneider, der die Grüße der Landesregierung überbrachte, äußerte in seinen Schlußworten die Hoffnung, die Kreisbahn möge auch ihren 100. Geburtstag in Freiheit feiern können. Vizepräsident Zabel betonte in seiner Eigenschaft als Landesbevollmächtigter für die Bahnaufsicht, im Hinblick auf eine mögliche erneute Sperrung des Kaliverkehrs im Werratale, man sei gerüstet. "Da wird die Kaliproduktion wieder über die Hersfelder Kreisbahn abgefahren. Der erfolgte Ausbau garantiert den reibungslosen Ablauf".

 

 

 


Schenklengsfelds Bürgermeister Lorre fand mit seiner Feststellung großen Beifall, dass niemand so viel Anteil nehme an dem Geschehen und der Geschichte der kleinen "Bimmelbahn" und sich so herzlich mit ihr verbunden fühle wie die Bevölkerung der Mittelpunktgemeinde des Landecker Amtes, die schon für den Bahnbau vor 50 Jahren den respektablen Zuschuß von 50.000 Goldmark hingeblättert habe. "Der Glückwunsch, den ich vor zehn Jahren zum 40. Geburtstag in diesem Saale für die Gemeinde Schenklengsfeld überbracht habe, soll auch der Wunsch für heute und für alle Zukunft sein: "Die Räder der Hersfelder Kreisbahn mögen rollen für den Frieden".

Im Rahmen der Jubiläumsfeier, die von musikalischen und künstlerischen Darbietungen der Hersfelder Kurkapelle und Mitgliedern des Kasseler Staatstheaters umrahmt wurde, wurden sechs Männer der ersten Kreisbahnstunde, die vor 50 Jahren dabei waren, als die Kreisbahn in Betrieb genommen wurde, unter dem Beifall der Festgäste, von Landrat Zerbe geehrt. Es waren: Kaspar Kurz, Georg Müller, Georg Knüttel, Adolph Bechtold, Heinrich Licht und Heinrich Dehmer. In der Rückerinnerung an die Eröffnungsfeier 1912 stellten sie neben anderen Veränderungen unserer Umwelt und unseres Umfeldes in dem vergangenen halben Jahrhundert fest, dass damals fast alle Mädchen und Frauen in der schönen Landecker Tracht erschienen seien, die bei der 50-Jahresfeier nur noch nostalgisch von der Schenklengsfelder Tanzgruppe getragen wurde. Auch das sei ein Zeichen für den wandel der Zeit.


Quelle: Festschrift zu 75jährigen Jubiläum der Hersfelder Kreisbahn, Hersfelder-Eisenbahn-Gesellschaft,
Rektor i.R. Otto Deisenroth, Verwaltungsoberrat Hans Stuckhardt.